MS Autoimmunerkrankung

„Wir haben MS heute viel besser im Griff“

Von Tobias Lemser · 2020

Dr. med. Klaus Gehring, praktizierender Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie in Itzehoe und Vorsitzender des Berufsverbands Deutscher Nervenärzte, spricht über Symptome, die für Multiple Sklerose (MS) sprechen können, wie sich Spastiken äußern und welche Therapien erfolgversprechend sind.

Person, die neben einem Rollstuhl steht vor einer See-Berg-Wald-Landschaft.
Dank moderner MS-Therapien sind immer weniger Patienten auf einen Rollstuhl angewiesen. Foto: iStock / Halfpoint

Dr. Gehring, was passiert im Körper bei MS-Patienten?

Prägnant für diese Autoimmunerkrankung ist eine fehlgeleitete Körperabwehr, die Entzündungen an den Nervenhüllstrukturen, den sogenannten Myelinscheiden, auslöst. MS verläuft bei den meisten Patienten in Schüben. Man spricht dann von einer schubförmig remittierenden MS, die bei manchen Patienten nach rund zehn Jahren in eine schleichende Verlaufsform münden kann.

Gibt es Personen, die ein erhöhtes Risiko für MS haben?

Es kann prinzipiell jeden treffen. Vermehrt gefährdet sind jedoch Personen mit einer bestimmten genetischen Belastung. Es scheinen aber auch Umweltfaktoren eine Rolle zu spielen. Im Fokus stehen früh erworbene Infektionen, Vitamin-D-Mangel oder Nikotinkonsum.

Welche Symptome lassen auf die MS Autoimmunerkrankung schließen?

MS hat die Fähigkeit, überall am Gehirn und am Rückenmark Entzündungen zu produzieren. Abhängig vom Entzündungsherd werden Funktionen gestört. Frühsymptome sind oft Seh- und Gangstörungen sowie Missempfindungen an Händen oder Füßen. 

Portrait: Dr. med. Klaus Gehring
Dr. med. Klaus Gehring

Welche Rolle spielen Spastiken?

Sie sind ein typisches Merkmal von MS. Spastiken äußern sich beim Gehen in Form von Versteifungen in den Beinen, genauso wie durch Verkrampfungen. All diese Symptome treten jedoch zumeist erst im fortschreitenden Verlauf auf.

Wie oft kommt es dazu?

Das ist extrem variabel. Es gibt Patienten, die unter einer Dauerspastik leiden und deren Bewegungsmuster langsamer und steifer sind. Bei anderen wiederum treten die Spastiken ganz unwillkürlich in Ruhe auf, etwa wenn sie im Rollstuhl sitzen oder im Bett liegen.

Sie sagten, MS ist sehr häufig von Schüben begleitet. Wie kann ich mir das vorstellen?

Bei einer Entzündung bildet sich eine Schwellung um den entzündlichen Kern. Sowohl die Nervenzellen, die von der eigentlichen Entzündung, aber auch jene, die von der Schwellung betroffen sind, funktionieren in der Folge nicht mehr wie gewünscht. Dies führt dann zu Schubsymptomen, die ganz vielfältig sein können – abhängig davon, wo der Herd sitzt. Der entzündliche Kern wird bleibend geschädigt. Die in dessen Nachbarschaft befindlichen geschwollenen Zellen sind hingegen zu retten.

Was heißt dies genau?

Es geht darum, die Schwellung therapeutisch zu bekämpfen, um keine bleibenden Schäden zu riskieren. Ziel ist es, auf den Gesundheitszustand vor Einsetzen des Schubs zurückzukommen. Das gelingt auch dank der Fähigkeit unseres Gehirns, neue Verschaltungen und Vernetzungen zu finden. Wir sprechen da von Hirnplastizität oder gesunder Reserve. 

Und wie wird therapiert?

Im akuten Erkrankungsschub wird ganz klassisch Kortison eingesetzt, um die Schwellung um den Kern zu verringern. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl an Substanzen, die zur Vorbeugung von Schüben eingesetzt werden und gute Wirkung zeigen. Klar ist aber auch: Es gibt kein einziges Medikament, das Patienten vor sämtlichen neuen Schüben bewahrt. Ziel der Therapie ist es stattdessen, dem Patienten seine Hirnreserve zu erhalten, ihm also die Fähigkeit zu geben, auf Schäden zu reagieren – quasi eine Investition in die Zukunft.

Ebenso entscheidend ist die Krankengymnastik.

Das ist richtig. In der Physiotherapie wird abgeklärt, welche Muskulatur genau betroffen ist und welche Muskeln eine Spastik entwickelt haben, die vielleicht gebremst werden muss. Schwache Muskeln zu fördern und angespannte Muskeln zu entspannen, sind die Hauptanliegen der Krankengymnasten. Ebenso wichtig sind Gleichgewichts- und Gangtraining. Aber auch in puncto Ernährung kann man einiges tun: Empfehlenswert ist eine mediterrane Ernährung mit mehrfach ungesättigten Fettsäuren, Fisch und wenig Fleisch.

Welche neuen Forschungsansätze sind vielversprechend?

Bereits die Substanzen, die zuletzt zugelassen wurden, ermöglichen eine deutlich bessere Kontrolle als jene, die noch vor zehn Jahren zur Verfügung standen. Heutige Medikamente sind nicht nur immer spezifischer und somit exakt auf das Krankheitsgeschehen ausgerichtet, sondern auch viel verträglicher. Was wir gern hätten, wäre eine Therapie, mit deren Hilfe wir Nervenzellen reparieren können. Aber daran wird noch geforscht.

Quelle:
www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/neurologie/erkrankungen/multiple-sklerose-ms/was-ist-multiple-sklerose-ms/

Fakten rund um Multiple Sklerose

Weltweit leben rund 2,5 Millionen Menschen mit MS.

In Deutschland sind mehr als 250.000 Menschen an MS erkrankt.

Jährlich kommen mehr als 10.000 Neuerkrankte hinzu.

Zumeist wird die Erkrankung zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr festgestellt.

Erstdiagnosen nach dem 60. Lebensjahr sind selten.

MS …

… ist nicht ansteckend

… ist nicht zwangsläufig tödlich

… hat nichts mit Muskelschwund zu tun

… ist keine psychische Erkrankung

… muss nicht in jedem Fall zu einem Leben im Rollstuhl führen

Hilfe zur Selbsthilfe

Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e. V.
www.dmsg.de

Internet- und Expertenforum der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e. V.
www.dmsg.de/service/forum

Initiative Selbsthilfe Multiple Sklerose Kranker e. V.
www.multiple-sklerose-e-v.de

AMSEL - Aktion Multiple Sklerose Erkrankter Landesverband der DMSG in Baden-Württemberg
www.amsel.de

DMSG Landesverband Bayern e. V.
www.dmsg-bayern.de 

DMSG Landesverband Berlin e. V.
www.dmsg-berlin.de/de/start

DMSG Landesverband Nordrhein-Westfalen e. V.
www.dmsg-nrw.de

DMSG Landesverband Hessen e. V.
www.dmsg-hessen.de

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