Einschränkungen durch neurologische Erkrankungen

Störungen im System – mit weitreichenden Folgen

Von Nadine Effert · 2021

Arbeiten, Radfahren, in den Urlaub fahren, mit Freunden ins Kino gehen – für die meisten Menschen Alltag. Für rund 220 Millionen Menschen in Europa sind viele alltäglichen Dinge nicht, nur begrenzt oder phasenweise möglich. Der Grund: Sie leiden unter Einschränkungen ihrer kognitiven und motorischen Fähigkeiten, verursacht durch neurologische Erkrankungen.

Blaue, grafische Darstellung eines Gehirns.
Zahlreiche Funktionen, die das Gehirn ausübt, können krankheitsbedingt beeinträchtigt werden. Foto: iStock / Ivan Bajic

Allein in deutschen Kliniken versorgen die Neurologinnen und Neurologen jährlich etwa über eine Million Patientinnen und Patienten. Oft aufgrund von Volkskrankheiten wie Polyneuropathien, Migräne und Depression. Das Besondere an Polyneuropathien: Es entstehen Schäden am peripheren Nervensystem. Dazu gehören alle Teile außerhalb des Zentralnervensystems (ZNS) – bestehend aus Gehirn und Rückenmark. Sprich: motorische, sensible und autonome Nerven. Aber auch neurodegenerativen Erkrankungen wie Morbus Parkinson und autoimmunologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose sind typische neurologische Erkrankungen. Auch Menschen mit ADHS weisen neurochemische und neurobiologische Besonderheiten auf. Genauer gesagt, ist bei ihnen das Gleichgewicht der Botenstoffe Noradrenalin und Dopamin im Gehirn verändert.

Einschränkungen durch neurologische Erkrankungen: Fortschritte bei Migräne

Bei Migräne hingegen verarbeitet das Gehirn Reize anders. Das Nervensystem steht gewissermaßen ständig unter Hochspannung; die Reizschwelle liegt niedriger. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) listet Migräne unter die zehn häufigsten Gründe, aufgrund derer Männer und Frauen jahrelang mit Einschränkungen leben müssen – und zwar in praktisch allen Bereichen des individuellen und gesellschaftlichen Lebens. In Deutschland erleiden täglich etwa 900.000 Menschen eine Attacke, rund 100.000 Menschen sind deswegen tagtäglich arbeitsunfähig. Auch die wirtschaftlichen Folgen sind enorm: Die sozioökonomischen Verluste aufgrund von Migräne liegen bei 100,4 Milliarden Euro jährlich. Das Gute: Es gibt zahlreiche medikamentöse und nicht medikamentöse Optionen zur Akuttherapie und Prophylaxe. „Ich würde mich freuen, wenn die hausärztlichen Kollegen öfter als bislang eine medikamentöse Prophylaxe einleiten würden. Ich bin mir sicher, dass dies die Zufriedenheit mit den Behandlungsmöglichkeiten steigern wird“, so PD Dr. med. Stefanie Förderreuther, 1. Vizepräsidentin der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG).

Hirnstoffwechsel außer Balance

Eine adäquate Therapie der Migräne ist wichtig, auch aufgrund bekannter Komorbiditäten. So haben Betroffene zum Beispiel ein zwei- bis vierfach erhöhtes Risiko für eine Depression oder eine generalisierte Angsterkrankung. Wenn es um die Therapie einer Depression geht, bei der der Hirnstoffwechsel aus dem Lot geraten ist, ist es mit einem Medikament nicht getan. Schon gar nicht in Form einer Prophylaxe, denn die gibt es nicht. Depression ist zudem nicht gleich Depression. Die Ursachen und Symptome sind vielfältig und individuell unterschiedlich.
Schätzungen zufolge erkranken bis zu 20 von 100 Menschen irgendwann in ihrem Leben mindestens einmal an einer Depression oder einer chronisch depressiven Verstimmung. Hinzu kommt, dass die Coronapandemie nicht nur bei einigen psychisch erkrankten Menschen zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustands führte, sondern auch psychische Spuren bei Gesunden hinterließ, wie zahlreiche Studien belegen.

Den Ursachen auf der Spur

Kopfschmerzen, aber auch Depression gehören zu den neurologisch-kognitiven Defiziten, unter denen auch viele Patientinnen und Patienten nach Überstehen einer COVID-19-Infektion leiden – und zwar nicht nur bei schweren Verläufen. Doch warum ist das so? Im Rahmen einer prospektiven Studie der Universitätsklinik Freiburg konnte bei Betroffenen in der frontoparietalen Hirnregionen (Stirn- und Scheitellappen) ein verminderter Glukosestoffwechsel (Hypometabolismus) nachgewiesen werden. Die Follow-up-Studie zeigte, dass die neurokognitiven Beeinträchtigungen mit dem Grad der Verminderung des Glukosemetabolismus korrelieren, sodass dieser als Biomarker für kognitive Post-COVID-Symptome herangezogen werden könnte. „Als erfreuliches Ergebnis lässt sich festhalten: Die kognitiven Einschränkungen sind per se reversibel“, so PD Dr. Jonas Hosp, Leiter der Post-COVID Ambulanz der Neurologie der Universitätsklinik Freiburg. „Allerdings muss einschränkend gesagt werden, dass einige Betroffenen auch sechs Monate nach der Akuterkrankung noch kein Normalniveau erreicht hatten, die vollständige Wiederherstellung der Gesundheit also in einigen Fällen langwierig zu sein scheint.“

Quellen:
Deutsche Gesellschaft für Neurologie: Aktuelles aus der DGN
Deutsche Depressionsliga: Home
NDR: PFH-Studie: Corona verstärkt Depressionen und Essstörungen
DMKG: Startseite
Ratgeber ADHS: ADHS: was passiert im Körper?
Deutsche Gesellschaft für Neurologie: Neurokognitive Defizite nach einer COVID-19-Erkrankung spiegeln ausgedehnte Funktionsstörungen der Hirnrinde wider

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