Schlafkrankheit

„Neue Erkenntnisse aus der Ursachenforschung ebnen den Weg für neue Therapien“

Von Nadine Effert · 2019

Plötzlicher Schlaf gegen den eigenen Willen und abrupter Verlust der Muskelanspannung (Kataplexie), das sind die Hauptsymptome von Narkolepsie. Etwa 40.000 Menschen in Deutschland leiden unter der gestörten Schlaf-Wach-Regulation. Im Interview: Priv.-Doz. Dr. med. Ulf Kallweit, Leiter Narkolepsie-Zentrum, Klinische Schlaf- und Neuroimmunologie der Universität Witten/Herdecke.

Mann schlafend am Schreibtisch; Thema: Schlafkrankheit
Narkoleptiker fallen auch am helllichten Tag ungewollt in einen Tiefschlaf. Foto: iStock/Cameravit

Wie wird Narkolepsie diagnostiziert?

Zentral ist die spezifische Erhebung der Schlaf- und Wach-Krankheitsgeschichte – als in der Regel wegweisende Grundlage für die weitere Diagnostik, wie schlafmedizinische Untersuchungen. In manchen Fällen ist auch eine Nervenwasseruntersuchung sinnvoll. Einige Blutuntersuchungen und MRT-Untersuchung des Gehirns müssen andere Ursachen ausschließen. Leider dauert es in vielen Fällen Jahre, bis die richtige Diagnose gestellt wird.

Porträt: Dr. Ulf Kallweit, Leiter Narkolepsie-Zentrum, Klinische Schlaf- und Neuroimmunologie der Universität Witten/Herdecke
Porträt von Dr. Ulf Kallweit, Leiter Narkolepsie-Zentrum, Klinische Schlaf- und Neuroimmunologie der Universität Witten/Herdecke

Woran liegt das?

Es ist eine seltene Erkrankung und zudem kann das Symptom „Tagesschläfrigkeit“ viele Ursachen haben. Leider wird es auch immer noch nicht ernst genommen. Es muss sich insofern etwas ändern, dass bei Verdacht auf Narkolepsie unverzüglich, ähnlich einem „Notfall“, eine Abklärung erzwungen wird. Je früher wir die Diagnose haben, umso mehr Behandlungsoptionen haben wir und umso weniger negative Folgestörungen treten auf. Bei Verdacht auf Narkolepsie sollte somit rasch ein spezialisiertes Zentrum aufgesucht werden.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Maßnahmen, die Erkrankte selber beachten und durchführen sollten – wie etwa feste Schlafpausen im Alltag –, sowie die medikamentöse Behandlung. Erfreulicherweise steht eine zunehmende große Anzahl an gut verträglichen und sehr wirksamen Medikamenten zur Verfügung, die eine individuelle, auf die einzelnen Bedürfnisse zugeschnittene Behandlung immer besser möglich machen. Weitere spezifische Medikamente befinden sich in der Entwicklung.

Weiß man heute mehr über die Ursachen der nicht heilbaren Krankheit?

In der Tat. In den letzten fünf bis zehn Jahren ist in der Narkolepsie-Forschung viel passiert. Wir verstehen die Mechanismen, die zur Entstehung der Erkrankung beitragen, immer besser. So konnten wir im letzten Jahr zeigen, dass Narkolepsie eine immun-vermittelte Erkrankung des Nervensystems ist. Bestimmte körpereigene Abwehrzellen richten sich fälschlicherweise gegen bestimmte Zellen des Gehirns, die sogenannten Hypocretin-produzierenden Zellen. Narkolepsie ist also eine Autoimmunerkrankung. Bei der Entstehung spielen genetische Veranlagung und weitere Faktoren, vermutlich bestimmte Infektionen, gemeinsam eine wichtige Rolle. Wir versuchen auch in Zukunft die Krankheit noch besser zu verstehen, um danach entsprechend auch die Behandlung ausrichten zu können. Neben der neuroimmunologischen ist auch die Erforschung der Hypocretin-produzierenden Zelle und die Interaktionen zwischen Hypocretin und anderen für Wachheit wichtigen Botenstoffe, etwa Histamin, spannend.

Narkolepsie: Hilfe zur Selbsthilfe

Bessere Krankheitsbewältigung, Kompetenzgewinn, soziale Aktivierung, eine gezielte Inanspruchnahme professioneller Angebote – das sind die positiven Effekte von Selbsthilfegruppen. Die Deutsche Narkolepsie Gesellschaft e. V. (DNG) ist der bundesweit aktive Selbsthilfeverband für die seltene Erkrankung Narkolepsie. Auf der Homepage (www.dng-ev.de) finden Sie mehr Informationen und können in Erfahrung bringen, ob es eine Selbsthilfegruppe in Ihrer Nähe gibt.

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