Neurologische Erkrankungen

Den Nerv haben, etwas zu tun

Von Nadine Effert · 2020

Neurologische Erkrankungen stellen weltweit eine wachsende gesundheitliche, soziale und finanzielle Herausforderung dar. Für Betroffene bedeuten die oftmals chronisch verlaufenden Krankheiten in der Regel eine enorme Einschränkung der Lebensqualität. Umso wichtiger sind Forschung auf diesem Gebiet und Vorstöße zur Verbesserung der Versorgung von Patienten.

Ärztin, die am Schreibtisch sitzt und ein Schädel-MRT zeigt.
Ein Schädel-MRT gibt Aufschluss über Veränderungen im Gehirn. Foto: iStock / utah778

Sie sind zuständig für unsere Bewegungen, Empfindungen und das Denken: Nervenzellen. Allein in unserem Gehirn gibt es mehr als 100 Milliarden sogenannter Neuronen, die durch etwa 100 Billionen Schaltstellen miteinander verknüpft sind. Dort, an den Synapsen, findet der Informationsaustausch von Nervenzelle zu Nervenzelle statt. Knackpunkte, die von Interesse für die Medizin sind, da bei vielen Krankheiten diese zentralen Schaltstellen des Nervensystems nicht mehr richtig funktionieren. Neurologische Erkrankungen betreffen entweder das zentrale oder das periphere Nervensystem, also das Gehirn und Rückenmark oder die Nerven, die netzartig den ganzen Körper durchziehen. Dadurch, dass das Nervensystem so viele verschiedene Körperfunktionen steuert, zeigen sich die Beschwerden sehr unterschiedlich. Taubheitsgefühle, Empfindungsstörungen, Konzentrationsschwäche und Schwindel sind nur einige wenige Beispiele, die auf eine neurologische Erkrankung hinweisen können.

Neurologische Erkrankungen haben viele Krankheitsbilder

Laut der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DNG) behandeln Neurologen in Deutschland schätzungsweise zwei Millionen Patienten jährlich, rund 200 häufige Krankheitsbilder – darunter mehrere Volkskrankheiten wie die Alzheimer-Krankheit – sowie mehrere tausend seltene und sehr seltene Erkrankungen, sogenannte Orphan Diseases. Zu Letzteren gehört zum Beispiel ein angeborener AADC-Mangel, der sich auf das Gehirn auswirkt und die Kommunikation der Nervenzellen beeinträchtigt, was unter anderem zu Bewegungs- und Entwicklungsstörungen bereits im Säuglings- und Kleinkindalter führt. Zu den häufigsten, bekannteren neurologischen Erkrankungen gehören unter anderem Kopfschmerz und Migräne, Schlaganfall, Epilepsie, Multiple Sklerose (MS) sowie die neurodegenerativen Krankheiten Alzheimer und Parkinson, bei denen Nervenzellen zugrunde gehen, die für das Gedächtnis beziehungsweise die Kontrolle der Muskulatur verantwortlich sind. In ihrer Gesamtheit gehören Erkrankungen des Gehirns zu den großen Herausforderungen für Medizin und Gesellschaft. Wirft man einen Blick auf Statistiken zu globaler Krankheitslast und vorzeitigen Todesfällen, kommen fünf der zehn wichtigsten Krankheiten aus diesem Bereich. So oder so stellen sie für Patienten und ihre Angehörigen eine enorme Belastung dar.

Verschiedenste Ursachen

Es gibt viele verschiedene Gründe, die für eine Erkrankung des Nervensystems infrage kommen. Bei zahlreichen Störungen des Gehirns und des Nervensystems spielen genetische Faktoren eine wichtige Rolle, aber auch Infektionen durch Bakterien oder Viren oder Funktionsstörungen des Gehirns. Neuronale Funktionsstörungen können auch durch das körpereigene Immunsystem ausgelöst werden. Dabei werden bestimmte Zellen im Gehirn und Nervensystem paradoxerweise als fremd eingestuft und von den Immunzellen angegriffen. Solche Vorgänge spielen beispielsweise bei MS eine wichtige Rolle.

Versorgung verbessern

Viele Nervenkrankheiten, so auch MS, sind heute (noch) nicht heilbar. Jedoch gelingt es zumindest häufig, den Verlauf und die Symptome durch eine medikamentöse Behandlung und ergänzende Therapien positiv zu beeinflussen oder abzuschwächen. So ist zum Beispiel in der Versorgung von Patienten mit Multipler Sklerose in den vergangenen Jahren bereits viel passiert. Arzneimitteltherapien sind heute verfügbar, die nicht nur besser wirken, sondern auch die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten verbessern helfen. Doch es braucht mehr als Therapien, nämlich eine patientenorientierte, facharztübergreifende und koordinierte Versorgung und eine verstärkte berufliche und soziale Teilhabe von Menschen mit MS. Das fordert das „White Paper Multiple Sklerose 2030“, das zu Beginn des Jahres veröffentlicht worden ist. „Der Schulterschluss zwischen Politik, Ärzten und Patientenvertretungen kann dazu beitragen, allen Patienten eine bedarfsgerechte Versorgung zu ermöglichen“, sagt Dr. Uwe Meier, Präsident des Spitzenverbandes ZNS (SpiZ). 

Früherkennung ermöglichen

Das Engagement ist ebenso groß, schaut man auf die neurologische Forschung, die weltweit auf Hochtouren läuft – was auch angesichts der steigenden Zahl an Betroffenen nottut. Beispiel: Alzheimer-Krankheit. Laut Angaben der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft e. V. nimmt die Zahl der Demenzerkrankten kontinuierlich zu und wird sich bis zum Jahr 2050 in Deutschland von 1,6 auf 2,4 bis 2,8 Millionen erhöhen, sofern kein Durchbruch in Prävention und Therapie gelingt. Mehr als die Hälfte der Betroffenen leidet unter Alzheimer, das anders behandelt werden muss. War die Unterscheidung verschiedener Demenzformen bislang aufwendig, soll in Zukunft ein Frühtest mit dem Biomarker Phospho-Tau217 zu einer sicheren Alzheimer-Diagnose beitragen. „Im Moment haben wir keinen Wirkstoff, der eine Alzheimer-Demenz heilen könnte, umso wichtiger ist daher die Prävention. Es gibt verschiedene Risikofaktoren für eine Demenz wie Bluthochdruck, Übergewicht, Rauchen, körperliche Inaktivität, Diabetes mellitus, Depression und ein geringer sozialer Kontakt und man kann auf diese Faktoren aktiv Einfluss nehmen“, sagt Prof. Dr. Richard Dodel, Neurologe und Inhaber des Lehrstuhls für Geriatrie an der Universität Duisburg-Essen. „Zu wissen, dass man ein ‚Alzheimer-Kandidat‘ ist, wird viele Menschen zu einem gesünderen Lebensstil motivieren. Ein Alzheimer-Frühtest kann somit perspektivisch die Krankheitslast senken.“ Auch wenn weitere Untersuchungen durchgeführt werden müssten, vielversprechend sei der Biomarker aber schon jetzt.

Quellen:
www.dgn.org​
www.dzne.de
www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/neurologie/erkrankungen/

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